Besonders deutlich fällt der Befund zur Sichtbarkeit betrügerischer Profile aus: Auf Tinder stieg die Zahl der Profilaufrufe, die ein Betrüger im Median erhielt, zwischen Mai 2024 und Dezember 2025 um mehr als 700 Prozent. Dem Bericht zufolge war Match Group bekannt, dass Tinder ein Profil mit höherer Wahrscheinlichkeit anzeigte, wenn es einem Betrüger oder einem anderen schädlichen Akteur gehörte, und nicht einem regulären Nutzer. Tinder ist die weltweit meistgenutzte Dating-App mit rund 50 Millionen Nutzern pro Monat.
Der Ausschuss befasst sich seit Jahren mit digitalen Romance Scams. Nach Daten der Federal Trade Commission zogen solche Maschen Amerikanern im vergangenen Jahr 1,5 Milliarden Dollar aus der Tasche. Die Branche ist industrialisiert worden: Chinesische kriminelle Organisationen in Südostasien und Westafrika setzen Opfer von Menschenhandel ein, um verschiedene Betrugsformen durchzuführen, die als “Pig Butchering” bekannt sind.
Der am Dienstag vorgelegte Bericht enthält Dutzende Aussagen von Geschädigten, die über die emotionalen und finanziellen Folgen berichten. Eine Frau schilderte, sie sei nach dem Tod ihres Mannes zu Tinder gekommen und habe dort einen Mann kennengelernt, der angeblich in New Jersey lebte. Sie verlor mehrere tausend Dollar, nachdem ihr Gesprächspartner ihr immer neue erfundene Notlagen präsentierte, die finanzielle Hilfe erforderten. “Ein Romance Scam nimmt mehr als Geld, es gibt Wunden, die niemand sieht. Man hinterfragt jedes Gespräch, jedes Versprechen, das man geglaubt hat”, sagte sie den Ermittlern des Kongresses. “Manche verlieren Ersparnisse, Häuser und Zukunftspläne. Manche verlieren irgendwie den Glauben an die Liebe. […] Und deshalb habe ich angefangen zu sprechen, deshalb konnte ich nicht einfach stillhalten.”
“Romance Scams sind verheerend – finanziell wie emotional – für Menschen, die Verbindung suchen und sich stattdessen als Ziel globaler krimineller Unternehmen wiederfinden und ausgebeutet werden”, sagte US-Senatorin Maggie Hassan (Demokratin, New Hampshire), ranghöchstes Minderheitsmitglied des Ausschusses.
Ein zentraler Abschnitt des Berichts befasst sich mit den KI- und Machine-Learning-Modellen, mit denen Match Group Betrüger und andere schädliche Akteure erkennen will. Interne Unterlagen, die das Unternehmen bereitstellte, zeigten laut Bericht, dass Tinder diese Modelle über Jahre nicht aktualisiert hatte. Erst nach Druck durch den Ausschuss führte das Unternehmen Anfang 2026 ein neueres KI-Modell ein, das Profile auf Betrugsmerkmale prüft. Die Ermittler kritisierten zudem, dass Match Group Betrüger und Spam in einer gemeinsamen Kennzahl zusammenfasste.
Der Bericht zitiert einen leitenden Forscher einer KI-Sicherheitsfirma mit der Einschätzung, Tinder müsste seine Machine-Learning-Modelle “mindestens monatlich neu trainieren, abhängig von weiteren Kennzahlen und den vorhandenen Systemen zur Überwachung markierter Inhalte”. Ein Neutraining nur ein- oder zweimal pro Jahr würde demnach bedeuten, dass das Unternehmen “Betrugserkennung nicht ernst genommen hat”. Ein Vertreter von Match Group wies die Darstellung, einzelne Modelle seien jahrelang nicht aktualisiert worden, als “falsch und irreführend” zurück.
Yoel Roth, ranghoher Mitarbeiter von Match Group, erklärte, der Bericht stelle die Investitionen des Unternehmens in Sicherheitsmaßnahmen und die bereits geleistete Arbeit gegen die Ausbreitung von Betrug auf den Dating-Seiten falsch dar. “Parallel zu unserer Zusammenarbeit mit dem Ausschuss im vergangenen Jahr haben wir die größten Sicherheitsfortschritte in der Geschichte von Match Group erzielt”, sagte Roth und verwies auf das biometrische Verifizierungswerkzeug Face Check, das auf Tinder und Hinge eingeführt wurde. Roth war im vergangenen Jahr von den Ermittlern des Kongresses befragt worden. “Romance Scams sind ein plattformübergreifendes, gesellschaftliches Problem, das kein Unternehmen allein lösen kann, weshalb wir an branchenübergreifenden Anstrengungen gegen Online-Betrug teilnehmen und diese mitfinanzieren”, ergänzte er.
Face Check wurde im Oktober 2025 ausgerollt und verpflichtet alle neuen Tinder-Nutzer zu einer Verifizierung per Video-Selfie. Match Group teilte den Ermittlern mit, dass Pilotversuche des Werkzeugs die Interaktionen von Nutzern mit Betrugskonten in den USA um 70 Prozent reduziert hätten.
Hassan räumte ein, Match Group habe gewisse Fortschritte gegen Betrüger erzielt, argumentierte aber, dies hätte nicht so lange dauern dürfen und es bleibe erheblicher Nachholbedarf – zumal künstliche Intelligenz es inzwischen erleichtert, massenhaft gefälschte Profile zu erzeugen. Sie verwies darauf, dass der Senat im vergangenen Monat einstimmig ein parteiübergreifendes Gesetzesvorhaben verabschiedet hat, das Dating-Apps verpflichtet, alle Nutzer zu benachrichtigen, die mit einem Betrüger interagiert haben – auch dann, wenn das betreffende Konto inzwischen gesperrt wurde.
