Die Erhebung unterscheidet zwischen zwei Formen des Drucks: 17 Prozent der Befragten gaben an, physisch bedroht worden zu sein, weitere 23 Prozent berichteten von psychischer Einschüchterung. Im Vorjahresbericht 2025, als Semperis erstmals nach physischen Drohungen fragte, hatten noch 40 Prozent der Teilnehmer solche Drohungen durch ihre Angreifer bejaht — die neuen Werte relativieren dieses Bild also eher, als dass sie es bestätigen.

Unter denjenigen, die überhaupt Drohungen erhielten, waren bedrohliche Textnachrichten, Briefe oder Pakete mit 57 Prozent am häufigsten. Darüber hinaus nannten die Befragten:

  • Drohungen gegen Familie und Freunde von Mitarbeitern: 37 Prozent
  • angekündigtes physisches Eindringen in Firmengebäude: 19 Prozent
  • Entführung: 17 Prozent
  • Körperverletzung: 13 Prozent
  • Stalking: 6 Prozent

53 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, die Angreifer hätten ihre Drohungen auch umgesetzt.

Die Werte schwanken stark nach Land und Branche. In Großbritannien wurden laut Semperis rund 34 Prozent der angedrohten Maßnahmen tatsächlich ausgeführt, und Opfer müssen demnach in 18 Prozent der Fälle mit Stalking rechnen. Besonders drastisch fallen die Angaben aus Italien aus: Dort berichteten 32 Prozent der Opfer von Entführungsdrohungen und 22 Prozent von angedrohter Körperverletzung, 74 Prozent erklärten, die Drohungen seien umgesetzt worden.

Auch jenseits von Gewaltandrohungen machen Angreifer die Erpressung persönlich: Nach Angaben von Semperis wurden Opfer oder deren Angehörige in mehr als der Hälfte aller Fälle gedoxt, Ziel eines Swatting-Anrufs oder anderer Formen öffentlicher Bloßstellung.

Auf die Frage, ob Ransomware-Opfer tatsächlich körperlich zu Schaden kommen, antwortet Jeff Wichman, Director of Incident Response bei Semperis: „Ja. In irgendeiner Form passiert das.“ Ein dokumentierter Einzelfall von Gewalt im Dienste eines Ransomware-Angriffs ließ sich bei der Recherche zu diesen Angaben jedoch nicht finden. Um ein Fallbeispiel gebeten, verwies Semperis auf eine Pressemitteilung von Europol zum Phänomen „violence-as-a-service“ — Europol stellte dort allerdings keinen Bezug zu Ransomware her.

In verwandten Bereichen ist Gewalt bei Cyberdelikten hingegen gut belegt. Im Umfeld von Kryptowährungsdiebstählen nimmt körperliche Gewalt messbar zu. Das Web3-Sicherheitsunternehmen CertiK Skynet veröffentlichte im Februar seinen Jahresbericht zu sogenannten „Wrench Attacks“ — der in der Kryptoszene übliche Begriff für Angriffe, bei denen Täter ihre Ziele körperlich attackieren, um an die privaten Schlüssel ihrer Wallets zu gelangen. CertiK Skynet dokumentierte 72 solcher Fälle im Jahr 2025, ein Anstieg um 75 Prozent gegenüber 2024. Chainalysis beobachtete für 2025 ebenfalls einen deutlichen Anstieg und stellte zur Jahresmitte 2026 fest, dass gewalttätige Angreifer Kryptowerte im Umfang von 30 Millionen US-Dollar erbeutet hatten.

Was für Kryptowährungen gilt, lässt sich nicht ohne Weiteres auf Angriffe gegen Unternehmen übertragen. Doch auch Erpressergruppen bewegen sich bisweilen physisch vor Ort: Im Frühjahr 2026 dokumentierten sowohl das FBI als auch Forscher von Mandiant, dass die „Silent Ransom Group“ sich als IT-Techniker ausgab, um in Büroräume zu gelangen und dort über USB-Geräte Daten von Endpunkten abzuziehen.

Auch Gewaltandrohungen bei Online-Delikten insgesamt nehmen zu, wenn auch nicht speziell im Ransomware-Kontext. Das FBI berichtete in seinem Internet Crime Report 2025 von 1.360 Beschwerden zu Gewaltandrohungen in Fällen ohne Erpressungsbezug; 2025 gingen 4.826 solcher Meldungen ein — ein Plus von 250 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Semperis selbst hat Erfahrung mit derartigen Drohungen: Vor einigen Jahren vertrat das Unternehmen eine US-Behörde bei einer Lösegeldverhandlung, woraufhin ein Semperis-Mitarbeiter ein Paket vor seiner Haustür fand — mit einer Notiz, die „körperliche Gewalt andeutete, falls er sich nicht zurückziehe“, wie die BBC berichtete.

Eine Zunahme physischer Drohungen ließe sich paradoxerweise als Nebenwirkung besserer Unternehmenssicherheit deuten. „Wenn Angreifer bei der Erpressung an Hebelwirkung verlieren — Unternehmen können inzwischen sagen: ‚Wir haben dies und das, das uns absichert‘ —, dann geht es mehr darum, die Forderung zu erzwingen. ‚Ihr müsst mit uns reden. Wir meinen es ernst‘“, sagt Wichman. „Das wird sich weiterentwickeln wie alles andere auch“, fügt er hinzu. „Ich sehe das ein bisschen wie in den Zeiten der Mafia. Ursprünglich ging es nur darum, Geld von Unternehmen zu erpressen. Dann hieß es: Ihr habt nicht gezahlt, jetzt werden wir gewalttätig. Immer dasselbe.“